Die Judengesetzgebung des vierten Laterankonzils

 

(1215)

 

Die Juden sehen sich im vierten Laterankonzil neuen Bestimmungen gegenüber, die an die Beschlüsse des dritten Laterankonzils von 1179 unter Papst Alexander II. anknüpfen.

Viertes Laterankonzil

(1) Nach 1179 dürfen Juden keine christlichen Diener in ihren Häusern halten, jüdische Konvertiten dürfen nicht enterbt werden und bei Prozessen gegen Juden sollen christliche Zeugen herangezogen werden. Missachtung dieser Gebote seitens der Christen wird mit der Exkommunikation (Ausschluß aus der Gemeinde) bestraft. Das vierte Laterankonzil erlässt dann Regelungen zu den Zinsgeschäften der Juden, die ihnen verbieten, Wucherzinsen zu verlangen und sie dazu verpflichtet, den Kirchenzehnten von Landbesitz zurückzuerstatten. Außerdem müssen sie nach dem Kreuzzugsdekret (Kanon 71) den Kreuzfahrern ihre Schulden für die Dauer des Kreuzzugs erlassen.

(2) Mit der gleichzeitigen Bestätigung des Zinsverbots für Christen von Alexander II., bildet sich hier ein wesentliches Element des Juden-Stereotyps aus: die Raffgier. Durch das nehmen von Zinsen per se ziehen Juden das Missfallen der restlichen Bevölkerung auf sich. Auch die Transsubstantiationslehre, die besagt, dass Wein und Brot in der Messe eine Wesensverwandlung vollziehen und somit zum realen Leib und Blut Christi werden, stärkt die Abneigung der Christen gegen die Juden, denn dieses Dogma der Transsubstantiation führt dazu, dass sie der Vorwurf der Hostienschändung trifft.

Weiterhin wird ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt, was die soziale Ausgrenzung begünstigt. Jüdischen Konvertiten, die sich zum Christentum bekannten, ist es untersagt, jüdische Traditionen beizubehalten. Dieses Verbot knüpft vor allem an die Zwangstaufe an, der sich viele Juden unterziehen mussten, denn viele von ihnen behalten jüdische Riten auch weiterhin bei. Schließlich wird den Juden unter Berufung auf Lev 19,19 und Dtno 22,5 eine Kleiderordnung vorgeschrieben, die verhindern soll, dass sich Christen und Juden (unwissentlich) vermischen. Diese Diskriminierung der Juden zieht sich durch ihre Geschichte bis zum Jahr 1728, als die Kleiderordnung abgeschafft wird. 

(4) Einen erneuten Wiederhall finden die mittelalterlichen Vorstellungen des Umgangs mit den Juden im Gebilde des Nationalsozialismus, als die Judenfeindlichkeit, in Form des Antisemitismus, ihren Höhepunkt erreicht. Unter der Führung der Nationalsozialisten müssen sich Juden an Hand ihrer Kleidung erkenntlich machen. Der Davidstern entspricht dabei dem gelben Ring, den Juden nach dem vierten Laterankonzil auf der Brust tragen müssen. Weiterführend werden Juden aus der Gesellschaft ausgeschlossen, sodass auch das Bekleiden öffentlicher Ämter erneut unmöglich wird. Es ist also unschwer zu erkennen, dass die Bestimmungen des vierten Laterankonzils in ihren Nachwirkungen ein wesentliches Element in der epochenübergreifenden Judenfrage darstellen.

 

(Julian Leopold)

 

 

(oben: Lateran-Basilika in Rom)

Beschlüsse des IV. Laterankonzils vom 30. Nov. 1215

Je mehr die Christenheit im Zinsnehmen beschränkt wird, desto stärker wächst die Treulosigkeit der Juden ihnen über den Kopf, so dass in kurzer Zeit das Vermögen der Christen erschöpft wird. Wir wollen also in diesem Stück für die Christen sorgen, damit sie nicht maßlos durch die Juden beschwert werden. Wir bestimmen demnach durch Synodaldekret, dass, wenn unter irgendeinem Vorwand die Juden von Christen unmäßige Zinsen erpressen, ihnen der Verkehr mit den Christen entzogen werde, bis sie ihnen wegen der unmäßigen Belastung eine angemessene Genugtuung gegeben haben. Auch die Christen sollen, wenn nötig, durch Kirchenstrafen, zunächst unter Ausschluss des Berufungsweges, angehalten werden, sich des Handels mit ihnen zu enthalten. Den Fürsten aber legen wir auf, dass sie deswegen den Christen nicht feind sein sollen, sondern sich vielmehr bemühen, die Juden von solcher Beschwerung der Christen abzuhalten. Mit derselben Strafe haben wir beschlossen, die Juden anzuhalten, dass sie den Kirchen Genugtuung bezüglich der schuldigen Zehnten und Opferpfennige geben, welche die Kirchen von den Christen für Häuser und andere Besitztümer zu bekommen pflegten, bevor letztere an die Juden unter irgendeinem Rechtstitel gekommen sind, damit auf diese Weise die Kirchen schadlos gehalten werden.
In einigen Provinzen unterscheidet Juden oder Sarazenen von den Christen die Kleidung, aber in anderen ist eine solche Regellosigkeit eingerissen, dass sie durch keine Unterscheidung kenntlich sind. Es kommt daher manchmal vor, dass irrtümlich Christen mit jüdischen oder sarazenischen und Juden oder Sarazenen mit christlichen Frauen sich vermischen. Damit also den Ausschweifungen einer so abscheulichen Vermischung in Zukunft die Ausflucht des Irrtums abgeschnitten werde, bestimmen wir, dass Juden und Sarazenen beiderlei Geschlechts in jedem christlichen Land und zu jeder Zeit durch ihre Kleidung öffentlich sich von den anderen Leuten unterscheiden sollen, zumal da man schon bei Moses liest, dass ihnen eben dies auferlegt ist. An den letzten drei Tagen vor Ostern aber und am ersten Passionssonntag (Judica), sollen sie sich überhaupt nicht öffentlich zeigen und zwar deswegen, weil einige von ihnen, wie wir gehört haben, sich nicht scheuen, an solchen Tagen erst recht geschmückt einherzugehen und die Christen, welche zum Gedächtnis der allerheiligsten Passion die Zeichen der Trauer anlegen, zu verspotten. Dies aber verbieten wir aufs strengste, damit sie sich nicht herausnehmen, zur Schmach des Erlösers ihre Freude zu zeigen. Und da wir die Beschimpfung dessen, der unsere Schuld getilgt hat, nicht verleugnen dürfen, so befehlen wir, dass derartige Frevler durch die weltlichen Fürsten, durch Auflegung einer angemessenen Strafe, gedämpft werden, damit sie nicht wagen, den für uns Gekreuzigten zu lästern.
Da es allzu sinnlos wäre, dass ein Lästerer Christi über Christen Gewalt habe, so erneuern wir das, was hierüber das Konzil von Toledo weise verfügt hat, unsererseits wegen des Frevelmutes der Übertreter dieses Gebotes in dieser Sitzung. Wir verbieten hiermit, dass Juden zu öffentlichen Ämtern zugelassen werden, weil sie unter dem Vorwand des Amtes den Christen am meisten aufsässig sind. Wenn aber jemand ihnen ein solches Amt übertragen hat, so soll er durch das Provinzialkonzil, dessen jährliche Abhaltung wir befehlen, nach vorgängiger Ermahnung mit der gebührenden Strafe belegt werden. Einem derartigen jüdischen Beamten aber soll so lange der Handelsverkehr und jeder andere Verkehr mit Christen verweigert werden, bis, unter sorgsamer Kontrolle des Diözesanbischofs zum Nutzen armer Christen, alles dasjenige verwendet ist, was er von Christen gelegentlich dieses so übernommenen Amtes erhalten hat. Das Amt selbst aber, das er respektloserweise angenommen hat, soll er mit Schanden wieder aufgeben. Dasselbe Gebot dehnen wir auf die Heiden aus.
Einige (Juden), welche freiwillig zur heiligen Taufe gekommen sind, ziehen, wie wir erfahren, keineswegs den alten Menschen aus, um den neuen anzuziehen. Sie bewahren Reste ihres früheren Religionsbrauches und verunreinigen die Herrlichkeit der christlichen Religion durch solche Vermischung. Da aber geschrieben steht (Sirach 2, 14): „Verflucht der Mensch, der auf zwei Wegen in das Land hineingeht”, und da man ein Kleid nicht anziehen darf, das aus Leinen und Wolle gewebt ist (3. Mose 19, 19; 5. Mose 22, 11), so bestimmen wir, dass solche Leute durch die Prälaten der Kirche von der Beobachtung ihres alten Religionsbrauches auf alle Weise abgehalten werden. Denn diejenigen, die sich aus freiem Willen der christlichen Religion dargeboten haben, soll ein heilsamer Zwang auch zu ihrer Beobachtung anhalten, da es ein geringeres übel ist, den Weg des Herrn nicht zu erkennen, als von dem Erkannten wieder abzugehen.
Wenn aber jemand nach dem Heiligen Land geht und eidlich gezwungen ist, Zinsen zu geben, so befehlen wir, dass die Gläubiger solcher Leute bei Vermeidung kirchlicher Strafe angehalten werden sollen, sie des geleisteten Eides zu entbinden und von der Eintreibung der Zinsen Abstand zu nehmen. Wenn aber einer der Gläubiger sie trotzdem zur Bezahlung von Zinsen gezwungen hat, so befehlen wir, ihn mit der gleichen Strafe zur Zurückerstattung derselben zu zwingen. Was aber die Juden betrifft, so befehlen wir, sie durch die weltliche Macht zum Erlassen der Zinsen anzuhalten. Bis zur erfolgten Rückzahlung hat aller Verkehr von Christen mit ihnen bei Strafe des Bannes zu unterbleiben.

(Text aus: Julius Höxter, Quellenlesebuch zur jüdischen Geschichte und Literatur, Neuausgabe Wiesbaden 2009, 260-262, siehe.auch http://www.digam.net/?dok=8544 )